Was uns Churchill zu sagen hat

© NZZ am Sonntag; 11.09.2016; Ausgaben-Nr. 37; Seite 56

Ohne die Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich und ohne Rückbesinnung auf christliche statt nationalistische Werte kann die Einigung Europas nicht gelingen. Das erkannte Winston Churchill schon vor genau 70 Jahren in seiner Zürcher Rede, schreibt Harold James.

Harold James

Die Rede, die Winston Churchill am 19. September 1946 in Zürich gehalten hat, ist noch immer von bemerkenswerter Aktualität – gerade in der heutigen Zeit, in der Europa abermals mit einer epochalen Krise konfrontiert ist. Wenn über Terrorismus und Flüchtlinge diskutiert wird, über einen Austritt aus der EU und die Personenfreizügigkeit, geht es um Themen wie Sicherheit und Identität, aber auch um Verfassungsfragen, finanzielle Dinge und um das grundsätzliche moralische Selbstverständnis von Gesellschaften.

An wen richtete sich Churchills Rede? In erster Linie natürlich an die Kontinentaleuropäer, die mit den Folgen eines zerstörerischen Krieges zu tun hatten. Churchill sprach aber auch über das Verhältnis seiner Landsleute zu Europa. Er erinnerte seine Schweizer Zuhörer daran (als ob sie es nicht schon wussten), dass Europa das Opfer «furchtbarer nationalistischer Streitigkeiten» geworden sei, und pries die Schweiz als einen Hort von Freiheit und Glück.

Für Europa sah er nur ein Heilmittel, das darin bestand, «die europäische Familie neu aufzubauen oder doch eine so grosse Zahl ihrer Mitglieder, wie es uns möglich ist, und ihr eine Struktur zu geben, in der sie in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben kann». Dieses Gemeinwesen bezeichnete er als die Vereinigten Staaten von Europa. Für die Europäer – zumal jene, die, wie die Schweizer und die Briten, nicht der Europäischen Union angehören wollen – stellt sich bis heute die Frage, wie dieses europäische Haus aussehen soll.

Churchill wies darauf hin, dass Europa in einer Krise stecke und für eine Rettung des Kontinents nicht sehr viel Zeit bleibe. Frankreich und Deutschland sah er als die Hauptverursacher der europäischen Krise, aber auch als ihre Lösung. Die Schweiz galt ihm nicht zuletzt deswegen als Vorbild, weil sie die französische und deutsche Kultur in sich vereinigt. Siebzig Jahre später sind seine Anmerkungen zur europäischen Krise und zur Achse Paris -Berlin noch immer gültig und höchst aktuell.

Der von Churchill vorgeschlagene Weg zu einer Lösung des europäischen Malaise ist bemerkenswert und sollte von den heutigen Europäern beherzigt werden: «Der erste Schritt zu einer Neuordnung der europäischen Familie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Ohne ein geistig grosses Frankreich und ein geistig grosses Deutschland kann es kein neues Leben in Europa geben.»

Für die damalige Zeit war das sehr erstaunlich, und bis heute ist rätselhaft, wie Churchill, der fast als einziger britischer Politiker der nationalsozialistischen Gefahr entgegengetreten war (der konservative Premierminister Neville Chamberlain hatte eine Verständigung mit Deutschland gesucht, und grosse Teile der Labour Party waren gegen ein militärisches Vorgehen), wieder für ein «grosses Deutschland» plädieren konnte. Schon im August 1940 hatte er es als politische Priorität bezeichnet, den Deutschen und Österreichern «Lebensmittel, Freiheit und Frieden» zu geben, sobald die Nazis besiegt seien. Eine Neuauflage des demütigenden Versailler Vertrags sollte es dieses Mal nicht geben.

General de Gaulle, sein grosser Verbündeter (und Kontrahent), wusste genau, von welchen politischen und psychologischen Mechanismen Churchill sprach. Jede kontinentaleuropäische Nation hatte versagt, restlos versagt. Insbesondere die Eliten hatten versagt. Die deutschen Eliten hatten vor dem Faschismus kapituliert, die französischen Eliten hatten die Republik und ihre Widerstandskraft geschwächt. Der grosse französische Mediävist Marc Bloch sah in der politischen Lähmung und dem Versagen der Politiker die Grundursache der «seltsamen Niederlage» von 1940.

Dieses Phänomen ist auch heute in Europa zu beobachten, verschärft durch die Euro-Krise und politische Fehlentscheidungen vorher und nachher. Amerika in Zeiten von Trump erlebt ein ähnliches Phänomen. Amerikanische und europäische Mainstream-Politiker wenden sich ab von den klassischen Prinzipien Wirtschaftsliberalismus und parlamentarische Demokratie. Sie agieren populistisch und sind mit der gleichen Entfremdung zwischen Eliten und Bevölkerung konfrontiert, die das politische Leben im Europa der Zwischenkriegsjahre zerstörte.

General de Gaulle sah Europa als Schauplatz eines französisch-deutschen Psychodramas. Für ihn stellte sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern als Narrativ von Verrat und Niedergang dar. Auf dem Weg zu einer Erneuerung Europas müsse Frankreich den ersten Schritt machen, «denn es hat in Westeuropa am meisten gelitten. Frankreich hat am meisten gelitten, weil es stärker verraten wurde als die anderen. Deshalb ist es allein in der Lage, die Geste der Vergebung zu machen. Deutschland ist ein grosses Volk, das triumphiert hat und dann vernichtet wurde. Frankreich ist ein grosses Volk, das vernichtet wurde und sich dann [in Vichy] dem Triumph angeschlossen hat. Nur ich kann Frankreich und Deutschland miteinander versöhnen, weil nur ich dem darniederliegenden Deutschland wieder aufhelfen kann.»

Diese Vision hat auf den ersten Blick wenig mit Angela Merkel und François Hollande zu tun, aber die Erfahrung von 1940, von der de Gaulle sprach, die Geschichte von deutschem Triumph und französischer Selbstzerstörung, ist im heutigen Europa erneut zu beobachten. Die Wirtschaftspolitik der Deutschen scheint besser zu funktionieren, und Deutschland gilt als Modell in Sachen Unternehmensführung, Innovation, betrieblicher Mitbestimmung, Lehrlingsausbildung. Frankreich dagegen schwächelt, weil es keine mittelständischen Unternehmer hat. Allerdings ist der deutsche Weg in Teilen wenig flexibel. Bei der Suche nach Antworten auf ökonomische und finanzielle Krisen sehen französische (und anglo-amerikanische) Ökonomen heute viel mehr Spielraum für multiple Gleichgewichte, also für sinnvolle Interventionen von Regierungen oder Zentralbanken.

Churchills Bemerkungen über das deutsch-französische Verhältnis, 1946 formuliert, gelten genauso gut für das moderne Europa. Doch auch seinen Landsleuten von heute hat er etwas zu sagen. Vor dem EU-Referendum wurde oft darüber spekuliert, was Churchill wohl zu dem Thema gesagt hätte. Proeuropäer machten darauf aufmerksam, dass Margaret Thatcher als Churchillanerin und massgeblicher Motor der Einheitlichen Europäischen Akte zu den herausragenden Architekten der modernen EU gehörte. Brexit-Befürworter, insbesondere der heutige Aussenminister Boris Johnson, der eine Churchill-Biographie geschrieben hat, beriefen sich ebenfalls auf ihn und seine Prinzipien, um ihre ablehnende Haltung zu rechtfertigen. Grossbritannien, sagten sie, verfolge einfach andere Ziele. So erklärte Mervyn King, der ehemalige Gouverneur der Bank of England, es sei unsinnig, Mitglied in einem Tennisklub zu sein, wenn man einmal im Monat eine Partie Bridge spielen wolle. Politik hat aber nichts mit Bridgespielen zu tun, und es geht auch nicht vorrangig um die Frage, wie man sein soziales Leben gestalten will.

Churchill wusste, dass Souveränität flexibel gehandhabt werden muss – wie etwa im Juni 1940, als er nach dem deutschen Überfall auf Frankreich kurzzeitig eine politische Union zwischen Frankreich und England ins Gespräch brachte. Diesem Modell entsprach auch seine Vision der Vereinigten Staaten von Europa: Angesichts der Bedrohung durch den Kalten Krieg und mit Blick auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau stellten sich dringende Fragen, die ein gemeinsames Vorgehen notwendig machten.

Churchills Ausspruch, der in der Brexit-Debatte besonders gern zitiert wurde und Boris Johnson inspirierte, stammt aus seiner Rede im Unterhaus vom 11. Mai 1953, in der er sagte: «Wo stehen wir? Wir sind nicht Mitglieder der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, und wir wollen auch nicht in einem föderalen Europa aufgehen. Wir haben eine besondere Beziehung zu beiden. […] Wir sind mit ihnen, aber nicht Teil von ihnen.»

Auf heutige Verhältnisse übertragen, klingt das so, als würde er die Europäische Union ebenso ablehnen wie jene Little-England-Haltung, die einflussreiche Antieuropäer unter den Konservativen und in der britischen Regierung vertreten. Es klingt eher wie ein Vorschlag für ein neues Assoziationsabkommen (wie jene neue «kontinentale Partnerschaft», die prominente Europäer angeregt haben), das keine rein europäische Veranstaltung wäre, sondern Teil einer globalen Architektur.

Churchill sprach aber nicht bloss von politischer Architektur oder institutionellen Strukturen. Seine Vision gründete auf der Überzeugung, dass starke Prinzipien und Werte die einzig mögliche Grundlage sinnvollen politischen Handelns seien. Nur durch eine Bekräftigung dieser Werte könnten die innereuropäischen Konflikte und die Entfremdung zwischen Eliten und Volk überwunden werden.

Bemerkenswert an Churchills Zürcher Rede ist die Art und Weise, wie er vom Christentum spricht. Europa ist «die Wiege des christlichen Glaubens und der christlichen Ethik. Europa ist der Ursprung fast jeglicher Kultur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft des Altertums und der Neuzeit.»

Die Vorstellung vom Christentum als dem Fundament europäischer Politik gehörte auch zur Vision von Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman, den drei Staatsmännern aus Deutschland, Italien und Frankreich, die wenige Jahre später die Grundlage für ein gemeinsames europäisches Haus schufen. Dies wird von heutigen Politikern gern vergessen oder von EU-Kritikern (wie etwa Viktor Orbán und Wladimir Putin) als Argument verwendet, warum die EU abgeschafft und durch eine Struktur ersetzt werden müsse, die auf ähnlichen Prinzipien beruht, wie sie Konstantin Pobedonoszew, der Lehrer am Zarenhof, im 19. Jahrhundert formulierte: Orthodoxie, Autokratie und Nation.

Aber das ist der falsche Weg. Was christliche Werte den modernen Europäern zu bieten haben, lässt sich auf andere Weise viel überzeugender ausdrücken. Die christliche Lehre handelt von der Würde des Menschen und dem Bemühen, Christus in allen Menschen zu erkennen, auch in Nichtchristen. Johannes Paul II. trat nach der Revolution von 1989 für ein «geistiges Europa» ein. Er machte deutlich, wie die politischen und verfassungsmässigen Dimensionen einer neuen europäischen Ordnung aussehen sollten: «Ideologische Neutralität, Menschenwürde als Quelle des Rechts, Vorrang des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft, Anerkennung demokratisch getroffener Rechtsnormen, Pluralismus in der Gesellschaftsordnung.»

Vor siebzig Jahren hielt Churchill seine Rede über die Vereinigten Staaten von Europa, und vor einem Jahr fiel Angela Merkels beharrlich wiederholter Ausspruch «Wir schaffen das». Im Interview mit der Fernsehjournalistin Anne Will, in dem es hauptsächlich um diese drei Worte ging, sprach Merkel auch über das C im Namen ihrer Partei, der CDU. Die Verteidigung der Menschenwürde, insbesondere im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, ist entscheidend, wenn die Europäer zu einer gemeinsamen Lösung finden wollen, die ihnen das Gefühl gibt, dass die «furchtbaren nationalistischen Streitigkeiten» überwunden sind. Doch es ist nicht leicht, diese Vision in praktische Politik umzusetzen. Churchill wurde von den britischen Wählern mit einem klaren Votum in die Wüste geschickt (und auch die Zürcher Professoren lehnten seine Position ab und verhinderten die Verleihung der Ehrendoktorwürde. Angela Merkel ist es vergangene Woche bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern nicht anders ergangen.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Harold James
Der Brite ist Professor für Geschichte an der amerikanischen Princeton University; an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs lehrt James internationale Politik. Harold James hat sich auf deutsche Geschichte und europäische Wirtschaftsgeschichte spezialisiert. Er gilt als einer der bedeutendsten Wirtschaftshistoriker unserer Zeit. (zzs.)

Podiumsdiskussion «Let Europe arise!»

Am 19. September 2016 hielt Winston Churchill – britischer Premierminister während des Zweiten Weltkriegs – an der Universität Zürich seine berühmte Europa-Rede. Darin rief er die Länder Europas dazu auf, die europäische Völkerfamilie neu zu gründen («Let Europe arise!»). Zum 70. Jahrestag dieses historischen Ereignisses findet am 23. September 2016 um 17 Uhr 30 im «Kaufleuten» in Zürich eine prominent besetzte Podiumsdiskussion zum Thema «Churchills Vision und die europäische Gegenwart» statt.

Informationen und Anmeldung unter: http://www.churchill-in-zurich.ch

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